Schmacht
geschrieben von ajtak | 12 Aug, 2009Samstag Nachmittag, der Tabak ist alle. Ich schaue zu, wie aus den allerletzten trockenen Bröseln eine halbe, eigentlich unrauchbare Zigarette wird. Es ist nicht mein Tabak und nicht meine halbe, eigentlich unrauchbare Zigarette; ich habe seit über 7 Monaten nicht mehr geraucht. Und trotzdem macht irgendwas im Kopf Klick. Ein Schalter wird umgelegt. Das Gefühl ist da, sehr präsent. Ist meins. Vertrauter Feind. Die Erinnerung ist greifbar, unzählige Male erlebt. Das panische Zusammensuchen von Kleingeld, mitten in der Nacht in die Klamotten springen und die 20 Meter bis zum Zigarettenautomaten zurücklegen, hektisch eine rauchen und wieder ins Bett legen. Endlich schlafen können, weil das beruhigende Gefühl sich einstellt, dass was zum Rauchen im Haus ist, weil endlich die Panik abfällt. Die Erinnerung an die Unruhe ist da. Die Unruhe, die schon eingesetzt hat, wenn ich die vorletzte Kippe aus der Schachtel genommen habe. Später dann, als ich nur noch selber gedreht habe, das panische Durchsuchen aller Taschen, ob nicht doch noch irgendwo Papers zu finden sind. Das Unwohlsein, wenn fast nur noch Brösel am Boden der Tabakdose übrig waren. Vertrauter Feind.
In diesem Moment Samstag Nachmittag war es auf einmal meine Panik, meine Unruhe, mein Gefühl, sehr real, sehr gegenwärtig. Die Hände feucht und zitternd, die heftigste Schmachtattacke in über sieben Monaten. Ich will nicht mehr rauchen und ich betrachte mich meist als stabile Nichtmehrraucherin. Aber dieses Gefühl, der Sucht nicht nachgehen zu können, weil nix mehr zum Rauchen da ist, ist mir noch so vertraut, dass ich wirklich Angst bekommen habe, ich könnte das irgendwann vergessen. Völlig ausblenden, dass ich nicht mehr rauche und es nicht mal merken. Wenn mir in dem Moment am Samstag jemand eine Zigarette unter die Nase gehalten hätte... Ich habe keine Ahnung, wie ich reagiert hätte. Ob ich in dem Suchtflashback gefangen überhaupt realisiert hätte, dass ich ja gar nicht mehr rauche.
"Lass uns 'nen Spaziergang zur Tanke machen" schlug ich vor. Mit Tabak bewaffnet den Rückweg antretend, bin ich die Nervosität endlich wieder losgeworden.
Die Gedanken daran, wie tief die Sucht im Unterbewusstsein verankert ist, wie leicht das Suchtgedächtnis aktiviert werden kann, bin ich jedoch noch nicht wieder losgeworden. Auch nicht die Sorge darüber, ob all mein nicht-mehr-rauchen-zu-wollen letztendlich überhaupt hilft, wenn ich in einem falschen Moment, wenn die Sucht mich so überrollt, der Verstand so ausgeschaltet ist, Zigaretten verfügbar hätte.
Katja
Ich drück dir die Daumen, dass du es durchhälst nicht zu rauchen.. Ich kann mich dazu nicht durchringen..
geschrieben von Lily am 12 Aug 2009, 19:01